Astrid Vehstedt
Literatur und Bühne

Biografie

geboren in Hamburg

Ausbildung:

Violinunterricht am Hamburger Konservatorium,

Preisträgerin (Violine) "Jugend Musiziert"

Teilnahme am 1. Kammermusikfest Lockenhaus u. L. v. Gidon Kremer

Studiengang Musiktheater-Regie, Hamburg bei Prof. Götz Friedrich, Diplom mit Auszeichnung, Kompaktkurse bei Prof. Gyula Trebitsch, Studio Hamburg

zusätzlich 2 Semester dirigieren bei  Prof. Brückner-Rüggeberg, Musikhochschule Hamburg, 2 Semester Tonsatz, Musikhochschule Hamburg

Unterricht in "Dance and Movement" bei Amos Hetz, Jerusalem

Privatunterricht in Architektur bei Walter Vehstedt, Architekt, BDA

Meisterkurs bei Augusto Fernandez (Argentinien)

Arbeiten u.a. im Malersaal (Thalia Theater Hamburg), Dramaturgie (Hamburgische Staatsoper und Residenztheater München)

Nach Diplom-Abschluss des Studiums in Hamburg Germanistik-Studium bei Prof. Walter Höllerer, TU Berlin

Regie-Assistentin (festangestellt und freischaffend) am Théâtre Royal de la Monnaie, Brüssel, Intendant Gerard Mortier,

Royal Opera House Covent Garden, Théâtre du Châtelet,  Paris, als Assistentin von Peter Stein, Peter Sellars, Ruth Berghaus, Adolf Dresen u.a.

Zusammenarbeit mit Walter Jens, Begegnung mit Heiner Müller

Ehrenamtliche Tätigkeiten:

Vorsitzende des Verbands Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller VS Berlin (2014-2018)

Präsidiumsmitglied PEN-Zentrum Deutschland (seit 2019)

Mitglied der Directors Guild of Great Britain (DGGB)

Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland, ab Mai 2019 Mitglied des Präsidiums

Oktober 2021 Vize-Präsidentin PEN, Writers-in-Exile-Beauftragte


Rezensionen in Auszügen

Missa e Combattimento - Scenes from a Holy War

Bruxelles combat Monteverdi   Libération, Paris, 12./13.2.1994

Wie Monteverdi einen historischen Sinn zurückgeben? Durch die Inszenierung, mit Unterstützung eines zeitgenössischen Komponisten. Das ist "Missa e Combattimento"

... Die junge Regisseurin Astrid Vehstedt wollte das Combattimento seinem Status als Gehäuse der Trugbilder entreißen, um es in die Perspektive des Epos zurückzuversetzen. Auf diese Weise wurde "Missa e Combattimento" geboren, das einer dreijährigen Beharrlichkeit bedurfte, um schliesslich in Antwerpen und Brüssel das Licht der Welt zu erblicken.

Die Regisseurin analysiert die Umstände, in denen der Dichter Torquato Tasso mitten in der Zeit der Inquisition des XVI. Jh. sein "Gerusalemme liberata" schrieb, ein Gedicht über die Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer im  XI. Jh. Die Erfindung der Moslemin Clorinda, die Liebe, die den christliche Heerführer Tankred zu ihr führt, erschienen der Regisseurin anmaßend und eine latente Kritik gegenüber diesem Krieg zu enthalten, den Papst Urban II ausrief, um die Abenteuerer aus Europa zu entfernen, die seine Politik kompromittierten. Dennoch konnte diese Kritik nicht zu offensichtlich ausfallen, weshalb Tasso das ultimative Aufbäumen der Clorinda erfand, die von Tankred die Taufe verlangt, um in Frieden sterben zu können. Aber warum soll man diese Verdrehung der Geschichte, diese Camouflage der Umstände ständig wiederholen ? Warum nicht vielmehr sie überwinden ?

(...) Die Wut des Tankred ist Ausdruck des Konflikts zwischen den menschlichen Gefühlen und den Normen, die der Krieg diktiert. Die Humanität und der Krieg sollten in diese Aufführung des Combattimento einfliessen : dafür braucht man das Theater, das die Sänger aus der "reinen" Musik herausreisst.

Ein Bühnenbild aus Sand mit beweglichen Wänden (verrostetes Eisen auf der einen, verbranntes Holz auf der anderen Seite) : Jerusalem. Bevor das Combattimento sich vor den Mauern der Stadt abspielt, läßt Astrid Vehstedt mit zehn Sängern einen Prolog spielen, der deutlich macht, wie eine verhungerte und von Bürgerkriegen zerrissene Bevölkerung in einen Krieg hineinschlittert.(...)

Nach dem Combattimento mit der unerwarteten Konversion Clorindas, welche die Christen als Vorzeichen für ihren Sieg interpretieren, läßt Astrid Vehstedt die Hochzeit von Krieg und Religion in einer Messe zelebrieren.(...) Es ist ein ritueller Abschnitt, deren Musik gleichzeitig sanft und wild ist und damit eine erste Reflexion des Combattimento mit seinen doppeldeutigen Reizen. Schließlich folgt eine Art Ausdehnung des Combattimento, ein wahrhafter Erfolg dieses Projektes, der es kohärent macht. Judith Weir hat zu diesem Anlaß ein Combattimento II für neun Sänger geschrieben. Die Klagen der jüdischen und arabischen Frauen in Jerusalem, die mutigen Worte eines Imam, die brutalen der Kreuzfahrer werden mit Bruchstücken von Monteverdi verwoben. (...) Es sind die Gesänge des Combattimento, aber ihrer Verführungskraft enthoben, wie gehämmertes Metall, duchbohrt von deformierten Harmonien, die so eine Nähe zur Gegenwart hervorrufen. Das Combattimento, versteckt hinter den Konventionen der Renaissance, wir auf diese Weise eindeutig.

Auch wenn es einige Schwächen in Missa e Combattimento gibt :  das Projekt ist außergewöhnlich in der Welt der Oper. Den Sinn behaupten, koste es auch harte dramatische und musikalische Arbeit, ist außergewöhnlich. Auf eine solche Weise die Konfrontation des Barock mit der Gegenwart ausschöpfen ist außergewöhnlich. Auf eine solche Weise die Sänger zum Kampf antreiben (die Gefechtsszenen an sich sind schon vorbildlich) ist außergewöhnlich.  Das gibt es in Brüssel.

Le Soir, Titelseite 14.2.1994

Le combat contre l'intolérance

... Die Kraft der Handlung findet ihre Energie in Form einer totalen Kompromißlosigkeit, sei sie moralisch und politisch, künstlerisch oder stilistisch (Monteverdi und Tasso sind nicht nach Tagesgeschmack aufbereitet; es ist vielmehr ihre faszinierende Modernität, die uns vor Augen und Ohren aufgeht).

Le Soir, 14.2.1994

Hymne à la tolérance inspiré par Monteverdi

(...) In einer Epoche, in der Fundamentalismus die uns bekannten Verwüstungen anrichtet, entfaltet die Vorstellung eine ungeheure Kraft. Hymne an die Toleranz, konzipiert von Frauen unserer Zeit in einem ästhetischen Kontext, der ebenso schön wie machtvoll ist, beruhend auf einer Führung der Schauspieler, die ohne jede Willkür ist (...), respektiert dieses Combattimento zwar das Essentielle des Christentums, des Judentums und des Islam, enthüllt jedoch andererseits ohne jede Gefälligkeit seine Verirrungen.

Dadurch entsteht dieser starke Eindruck des Sakralen, der eine einfache Vorstellung für uns zum Kunstwerk macht.

De Standaard, 31.5.1993

"Die überzeugendste Realisation war Missa e Combattimento - Scenes from a Holy War, ein Stück von Astrid Vehstedt (Konzept und Libretto) entstanden aus "Il Combattimento di Tancredi e Clorinda" con Monteverdi und "Missa del Cid" von der schottischen Komponistin Judith Weit (Jg. 1954) mit zusätzlicher Musik von Walther von der Vogelweide.

Opernwelt, August 1993

De Morgen, 14.2.1994

Alle Fotos, soweit nicht anders gekennzeichnet ©Astrid Vehstedt, Ausnahme: Schwarz-Weiss-Fotos "Missa e Combattimento"

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Stand Januar 2017